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Der Salon: Tradition und Zukunft "provokativ gemischter Geselligkeit"


von Bettina Pohle, Salonière des Berliner Zukunftssalons

Eine "Republik des freien Geistes" nannte Rahel Levin-Varnhagen schon um 1800 ihren Salon, jener "Thee- oder Konversationsgesellschaft", an der berühmte Männer, wie Prinz Louis Ferdinand, Fürst Radziwill oder der Staatsmann Friedrich Gentz teilnahmen und der gleichermaßen Vertreter der Literatur, Philosophie und Wissenschaft angehörten, wie u.a. Friedrich Schlegel, Clemens Brentano, Friedrich Schleiermacher oder die Gebrüder Humboldt.

Ganz im Sinne der Frühromantik, und ganz im Sinne auch der späteren Salonkultur versammelten sich in den Salons der Rahel Levin-Varnhagen, Dorothea Veit oder Henriette Herz Vertreter aller Bereiche: Gelehrte und Künstler, Schriftsteller, Politiker und am Geistesleben Interessierte, um literarische, philosophische und politische Probleme zu diskutieren, um Dichterlesungen, Konzerte und Vorträge zu hören. Im Austausch zwischen diesen verschiedenen Bereichen kamen Verstand und Gefühl in der inszenierten Geselligkeit des Salons gleichberechtigt zur Geltung. Auch in Rahels "provokativ gemischter Geselligkeit" standen persönliche Begegnung und ein ehrlicher Austausch an Wissen, Erfahrung und Meinung im Vordergrund.

Der Beitrag Berliner Salons zur Kulturgeschichte dieser Stadt ist unumstritten. Und ebenfalls unumstritten ist die Tatsache, daß sich in den historischen Berliner Salons die geistige Elite Deutschlands traf, um in einem Raum "privater Öffentlichkeit" einen gedanklichen Austausch zu pflegen und eine intellektuelle Standortbestimmung vorzunehmen. In den mehr als 90 Berliner Salons der Zeit zwischen 1780 und 1914 verkehrten Dichter und Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsleute, Prinzen und Studenten, Schauspielerinnen und Familienmütter, Maler, Bildhauer und Musiker. Im Idealfall wurde der Salonabend zu einem improvisierten Kunstwerk der Geselligkeit, zu einem Gesamtkunstwerk menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft.

200 Jahre nach der Blütezeit der Berliner Salons erlebt die Idee des Salons eine Renaissance in Berlin. Fast 30 neue Salons unterschiedlichster Couleur entstehen allein in den Neunziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts in Berlin, verschwinden wieder oder bleiben bestehen. Allen gemein scheint der "Wunsch nach Begegnung im kleinen Kreise", die "Sehnsucht nach etwas Kostbarem, das verloren gegangen, in der kollektiven Erinnerung aber irgendwie lebendig geblieben ist".¹

Der Salon, jene "private Öffentlichkeit", bietet als Mikrokosmos politischer, sozialer, kultureller, wissenschaftlicher Auseinandersetzung wie keine andere gesellschaftlich inszenierte Form die Möglichkeit der Mitgestaltung. Er legt die Verantwortung kollektiv erfahrener Entwicklungen zurück in die Hände des Einzelnen. Die Etablierung des Berliner Zukunftssalons muss in diesem Zusammenhang gewissermaßen als logische Entwicklung historischer und gegenwärtiger politischer, wirtschaftlicher und kultureller Strömungen verstanden werden, die zeitgemäßer kaum sein könnte.

Anmerkungen
1 Vgl. hierzu das Buch von Cornelia Saxe: "Das Gesellige Canape. Die Renaissance der Berliner Salons", Berlin 1999.